Generation Smartphone – Kinder und Jugendliche

Die Kids von heute hängen mit dem Smartphone ab und ziehen sich in ihre Online-Welt zurück – so der Tenor der Eltern. Experten für Psychiatrie und Pädagogik haben durchaus überraschende Erklärungen dafür.

Was macht die Jugend in Österreich, wenn sie aufwacht? Ein Drittel schaut gleich aufs Smartphone, ein weiteres Drittel nach fünf Minuten. Das geht einfach, denn sie haben das Gerät eingeschaltet bzw. im Flugmodus neben ihrem Bett liegen; nur 13 Prozent verstauen das Handy über Nacht außerhalb ihres Zimmers.

Jeder dritte Jugendliche fühlt sich jedoch gestresst und sagt: „Handy und PC werden mir manchmal zu viel.“ Ständige Erreichbarkeit, sofort antworten zu müssen und Kontrolle sind Stressfaktoren, die mit der digitalen Vernetzung entstanden sind. Jugendliche im Alter von elf bis 17 Jahren wurden für diese Studie im Auftrag von Saferinternet.at befragt. Diese Organisation möchte Kinder durch Bewusstseinsbildung stärken, mit digitalen Herausforderungen besser umzugehen.

Niemals ohne, auch wenn’s nervt

Vor zwölf Jahren kam das Smartphone auf den Markt, die jungen Menschen aus der Studie wurden damals geboren oder kamen gerade in die Volksschule. Während sie herangewachsen sind, ist der Verbreitungsgrad des Smartphones stark gewachsen. So sind sie die erste Generation, die ein Smartphone schon im Lauf der Volksschulzeit oder knapp danach nutzen konnte.

In ihrem Leben geht nichts ohne Handy, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen. Dieses Sozialphänomen ist auch unter dem Begrifft „FOMO – Fear of Missing Out“ bekannt. Der digitale Begleiter ist jedoch ziemlich invasiv geworden: So nervt es 59 Prozent der Jugendlichen, wenn Freunde oder Freundinnen bei gemeinsamen Unternehmungen aufs Smartphone schauen (siehe „Phubbing“ im nächsten Absatz), 55 Prozent meinen, sie selbst schauen zu häufig aufs Handy, und 34 Prozent kritisieren, dass ihre Eltern dies zu oft tun.

Phubbing – zusammengesetzt aus den englischen Worten „phone“ (Telefon) und „snubbing“ (brüskieren) – bezeichnet die Angewohnheit, sich mit dem Smartphone zu beschäftigen und dabei Menschen, die etwa am selben Tisch sitzen, zu vernachlässigen.


„Wir haben den Kindern den öffentlichen Raum weggenommen. Sie dürfen nirgends mehr laut sein oder Ball spielen.“

Barbara Buchegger

www.saferinternet.at

Digital isoliert oder besser vernetzt

Jean M. Twenge, Professorin für Psychologie an der San Diego State University und Autorin des Buchs „iGen“, stellt fest, dass sich seit den 1930er- Jahren das Verhalten der US-amerikanischen Jugend noch nie so radikal verändert hat wie mit dem Siegeszug des Smartphones. Die Zahl der Teenager, die ihre Freunde täglich treffen, sei um 40 Prozent gesunken. Statt mit dem Auto unterwegs oder auf Partys zu sein, liegen die jungen Leute daheim im Bett und kommunizieren über Social Media. Das Leben sei für sie damit weniger gefährlich geworden, allerdings auch einsamer – und die digitale Isolation würde zu Ängsten und Depression führen.

„Das Bild der digitalen Isolation ist falsch, denn unsere Jugend ist extrem kommunikativ. Sie sind über Spiele oder Netzwerke mehr mit Gleichaltrigen in Kontakt, als das die Generation Vierteltelefon je war“, widerspricht Barbara Buchegger, Pädagogische Leiterin von Saferinternet.at. Jugendliche, die früher in der Klasse Außenseiter waren, etwa weil ihr Musikgeschmack nicht dem Mainstream entsprach, finden nun online Gleichgesinnte. Gerade in der Pubertät hilft das, nicht von allen ausgegrenzt zu werden.

Warum sich junge Menschen in die digitale Welt zurückziehen, liegt für Buchegger klar auf der Hand: „Ich möchte uns Erwachsene in die Pflicht nehmen, denn wir haben den Kindern den öffentlichen Raum weggenommen. Sie dürfen nirgends mehr laut sein oder Ball spielen.“ So wie frühere Jugendgenerationen offline Grenzen ausgetestet haben, machen sie das heute online – und dabei wüssten sie genau, was sie tun. Eltern sollten sich erklären lassen, welchen Stellenwert der digitale Raum für junge Menschen hat. Dann könnten sie verstehen, dass ihrem Kind zum Beispiel ein Computerspiel mit starken und schwachen Figuren hilft, Ängste zu bekämpfen.

www.saferinternet.at, studioback.at

Sofort antworten.

Täglich Hunderte Nachrichten auf WhatsApp oder Snapchat machen Stress. Ältere Jugendliche schaffen es eher, sich abzugrenzen, und schalten manchmal den Flugmodus ein.

Mehr Stress, weniger Schlaf

Ein Viertel aller Mädchen und ein Fünftel aller Burschen beschäftigen sich mehr als fünf Stunden täglich im Sitzen oder Liegen mit ihrem Handy, sagt die HBSC-Studie 2018, gefördert von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dazu wird in Österreich alle vier Jahre das Gesundheitsverhalten von 6.000 Schülerinnen und Schülern zwischen elf und 17 Jahren erhoben. Symptome wie Gereiztheit, Nervosität, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen und Einschlafschwierigkeiten kommen mit dem Leistungsdruck und dem Druck sozialer Medien häufiger vor; daher sollte für mehr Elternbildung gesorgt werden. Zwölf Prozent der Burschen und 24 Prozent der Mädchen zeigen Anzeichen einer depressiven Verstimmung – dass die Zahl der psychischen Erkrankungen gestiegen ist, lässt sich daraus aber nicht ableiten, heißt es in der Diskussion der Ergebnisse. Verstärkte Unterstützung, initiiert mit der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie 2011 des Sozialministeriums, scheint zu wirken.

Die Stunden mit dem Smartphone gehen jedoch zulasten von Bewegung und Schlaf. Darunter leidet die Reifung von Körper und Gehirn, Letzteres ist auch für die Lernleistung verantwortlich. Wie sich das auf Kreativität und Konzentrationsfähigkeit auswirkt, wird erst erforscht. Eine gerade veröffentlichte amerikanisch-kanadische Studie empfiehlt für Kinder zwischen acht und elf Jahren maximal zwei Stunden vor dem Bildschirm, dafür mehr Schlaf und eine Stunde Sport – sonst leide die Denkfähigkeit.

Computerspielen und Tippen mit dem Smartphone-Daumen verbessern jedoch auch Fähigkeiten wie Auge-Hand-Koordination und Schnelligkeit, ein motorischer Vorteil für angehende Piloten oder Chirurgen. Das Schreiben mit der Hand wird weniger, Schreiben selbst geht aber (noch) nicht verloren, denn Jugendliche tippen auf Whats-App extrem viel und in kurzer Zeit.

Die Technik beherrschen

„Viele 15- bis 19-Jährige können Technik schwer einschätzen“, stellt Buchegger fest. Ältere haben gelernt, dass Computer mit einem binären System arbeiten. Aber die komplexen heutigen Geräte kann man nicht auseinandernehmen, und daher fehle das technische Grundverständnis, vielfach auch das Interesse. Aus diesem Grund schätzt sie die entstehende Coding-Bewegung für Kinder und empfiehlt, dass möglichst viele programmieren lernen. Technik dürfe kein Mysterium sein. Auch im Hinblick auf Entwicklungen wie künstliche Intelligenz und Algorithmen sollten die künftigen Erwachsenen einschätzen können, ob ihnen Technik nützt oder schadet.

Bucheggers Blick auf die Jugend ist optimistisch: „Für diese Generation ist das Smartphone fast wie ein Kugelschreiber, etwas, was man gebraucht. Im Unterschied zu ihren Eltern können sie sich leichter abgrenzen, sie möchten auch nicht immer erreichbar sein, während ihre Eltern da richtig hineinkippen, oft privat und beruflich nicht mehr trennen können.“

Die Jugendlichen in der Online-Welt sind Ausdruck unserer Gesellschaft, die sich mit der Digitalisierung verändert hat und – schneller, als wir glauben – weiter verändern wird. Aber egal, ob es um Tischmanieren geht oder um Handynutzung, eines bleibt immer gleich: die Vorbildwirkung. Wer auf das Handy schaut, signalisiert dem Jugendlichen: Du bist mir nicht so wichtig. Hier können wir selbst etwas verändern.

Hinweis: Im nächsten e-media gehen wir auf die Jüngsten der Generation Smartphone ein: Was wird aus den heutigen Kleinkindern, die als eine der ersten Fähigkeiten lernen, auf dem Tablet ihrer Eltern zu wischen?

Lesen Sie in der Oktober-Ausgabe Teil zwei von Generation Smartphone, in dem es um Babys und Kleinkinder geht!